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Denken/welle-drei-Reihe/02

Der Weg der Dinosaurier.

Wo die Mietrechtskanzleien von heute in fünf Jahren sind. Zwei Antworten — eine davon ist warm.

Erschienen2. April 2026
AutorMarcus Greinke
Lesezeit8 Minuten
Reihewelle-drei · 2 / 5

Eine befreundete Anwältin — ich nenne sie hier S. — schickte mir letzten Sonntag um 22:43 einen Schriftsatz. Nicht zur Durchsicht. Zur Information. Sie hatte den ganzen Sonntag damit verbracht, die nächste Woche vorzubereiten, und der Schriftsatz war das letzte Stück, bevor sie ins Bett ging. »Damit ich Montag früh sauber starten kann«, schrieb sie.

S. ist 41, scharfsinnig, fleißig, eine der kompetentesten Mietrechtsanwältinnen, die ich kenne. Sie hat letztes Jahr eine halbe Million Euro Honorar erwirtschaftet. Nicht schlecht. Aber sie hat dafür 60-Stunden-Wochen gebraucht, und sie wird dieses Jahr mit derselben Stundenzahl wieder ungefähr eine halbe Million machen. Nicht weil ihre Mandanten nicht zahlen würden, sondern weil sie keine Stunde mehr produzieren kann. Eine Stunde hat 60 Minuten. Eine Woche hat 168 Stunden. Schlaf ist ein biologisches Erfordernis. Ihre Wirtschaft hat eine Decke, und sie hat sich an dieser Decke den Kopf gestoßen.

S. ist nicht die Ausnahme. S. ist die Regel.

Die Decke, die ihr nicht seht

Jede Mietrechtskanzlei in Berlin operiert unter derselben Decke. Es ist die Decke, die Stunden heißt. Eure Marge skaliert nicht mit Software, nicht mit Kapital, nicht mit Reichweite. Sie skaliert mit menschlichen Stunden, die ihr selbst produziert. Mehr Mandate? Mehr Stunden. Mehr Honorar? Mehr Stunden. Mehr Komplexität? Mehr Stunden. Es gibt keine zweite Variable.

Das war zwei Jahrzehnte lang kein Problem, weil die Decke hoch war und die Nachfrage moderat. Heute ist die Decke gleich hoch und die Nachfrage explodiert. Die Mietpreisbremse hat einen Markt geschaffen, der größer ist als alles, was diese Branche je hatte. Conny holt sich davon, was sie kann. Ihr nicht — weil eure Decke euch festhält.

In den letzten 18 Monaten ist etwas passiert, das diese Decke zum ersten Mal seit Jahrzehnten anhebt. AI. Nicht »AI in der Zukunft«. AI heute, in eurer Praxis, an eurem Schreibtisch, bei euren Mandaten. Eine Anwältin, die mit einem AI-gestützten Arbeitsablauf arbeitet, schafft heute realistisch zwei- bis dreifaches Volumen pro Woche im Vergleich zu derselben Anwältin ohne. Was bedeutet: S. könnte mit derselben Anstrengung 1 bis 1,5 Millionen Euro Honorar machen. Mit denselben 60 Stunden. Mit demselben Mandantenstamm. Mit denselben Sonntag-22:43-Mails — nur dass der Sonntag wieder freier Tag werden würde, weil die Vorbereitung für Montag in 30 Minuten am Freitagnachmittag erledigt ist.

Das ist die strukturelle Frage, die heute auf eurem Tisch liegt. Nicht »soll ich AI lernen?«. Sondern »will ich diese Decke loswerden, oder akzeptiere ich sie für die nächsten zehn Jahre?«

Das Alters-Argument ist falsch

Wenn ich das mit Anwält:innen bespreche, kommt fast immer dieselbe Reaktion: »Das ist was für die Jungen. Die Dreißiger arbeiten so. Wir nicht.«

Die Reaktion klingt vernünftig. Sie ist falsch.

Was ich in den letzten zwei Jahren beobachtet habe: Es gibt 32-jährige Anwält:innen, die AI für eine Modeerscheinung halten und ihre Mandate weiterhin handgeschrieben bearbeiten. Es gibt 58-jährige Anwält:innen, die seit zehn Monaten mit modernen Werkzeugen arbeiten und ihre Bearbeitungszeit pro Mandat halbiert haben. Das Alter ist nicht die Trennlinie. Die Trennlinie ist Bereitschaft.

Bereitschaft, das eigene Werkzeug infrage zu stellen. Bereitschaft, eine Woche damit zu verbringen, einen neuen Arbeitsablauf einzurichten, statt diese Woche weiter zu produzieren. Bereitschaft, sich einzugestehen, dass das, was zwanzig Jahre funktioniert hat, in den nächsten fünf Jahren nicht mehr ausreichen wird. Diese Bereitschaft ist nicht altersgebunden. Manche jungen Anwält:innen haben sie nicht. Manche älteren haben sie sehr wohl.

Das macht das Argument schärfer, nicht weicher. Wenn es nicht das Alter ist, kann sich auch niemand hinter dem Alter verstecken. Es liegt an euch. Heute. Diese Woche.

»Alte Wege sind nicht gute Wege. Sie sind nur alte Wege.«

Was ein Tag in der neuen Praxis aussieht

Stellt euch zwei Anwält:innen vor, die nebeneinander in Prenzlauer Berg sitzen. Beide Mitte 40. Beide Mietrecht, gleicher Erfahrungslevel. Beide montags um 9:00 im Büro.

Anwältin A öffnet ihre Mail, sortiert eingehende Anfragen, ruft drei Mandanten zurück, schreibt zwei Erstgespräche-Termine in den Kalender für nächste Woche, beginnt um 11:30 mit der Recherche zu einem BGH-Urteil, das sie für einen Schriftsatz braucht. Sie sucht das passende Urteil bis 13:00, dann Mittagspause. Nachmittags schreibt sie den Schriftsatz, prüft ihn, korrigiert. Um 17:30 ist er fertig. Ein Schriftsatz an einem Tag. Sauber gemacht. Sie ist eine gute Anwältin.

Anwältin B öffnet ihre Mail. Eingehende Anfragen sind bereits klassifiziert, drei davon sind Standard-Mietpreisbremse, die ihr Arbeitsablauf eigenständig vorbearbeitet hat — Mietspiegel-Einschätzung, qualifizierte Rüge im Entwurf, alles wartet auf ihre Freigabe. Sie geht durch, verfeinert eine Formulierung, gibt frei. Drei Mandate beauftragt um 9:30. Erstgespräche gibt es nicht — die Mandatsaufnahme läuft automatisch über das Webformular, die Mandantin hat ihre Daten bereits eingegeben, die Vollmacht steht, die Abtretung ist unterschrieben. Anwältin B hat noch nie das Gesicht ihrer drei neuen Mandantinnen gesehen. Es ist nicht nötig. Wenn sie eine Frage hat, ruft ein AI-Agent die Mandantin an — Sonntag um 16:00, Dienstag um 23:53, wann immer es passt — stellt die Frage, transkribiert die Antwort, hängt sie an die Akte.

Um 11:00 beginnt Anwältin B mit dem Schriftsatz, an dem Anwältin A bis 17:30 sitzen wird. Die Recherche ist bereits gemacht — ein Recherche-Agent hat ihr morgens eine Liste der drei relevantesten BGH-Urteile geliefert, mit Zitaten, mit Argumentationsskizze. Sie wählt das stärkste aus. Sie schreibt den Schriftsatz, in einer Form, die das Modell vorstrukturiert hat. Um 13:00 ist er fertig. Um 14:00 schickt sie den nächsten. Um 16:00 den dritten. Um 17:30 — wenn Anwältin A ihren ersten Schriftsatz abschickt — hat Anwältin B fünfzehn Mandate substantiell vorangetrieben.

Das ist kein Gedankenexperiment. Das ist die Praxis von Anwält:innen, die ich kenne. Mehrere davon haben ihren Stundenertrag in den letzten zwölf Monaten verdoppelt, während sie weniger Stunden arbeiten als zuvor. Sie sind nicht klüger als ihre Kolleg:innen. Sie haben sich entschieden, bereit zu sein.

Die Karre vor dem Pferd

An dieser Stelle kommt fast immer der zweite Einwand: »Aber Mandantengespräche sind das Herzstück des Anwaltsberufs. Das kann eine AI nicht ersetzen.«

Ich verstehe das Argument. Ich halte es trotzdem für die Karre vor dem Pferd. Mandantengespräche, so wie sie heute stattfinden, sind nicht das Herzstück. Sie sind das Resterscheinungsbild eines Arbeitsablaufs, der vor 50 Jahren gebaut wurde, als es keine Alternative gab. Wenn die Mandantin ihre Daten heute auf einem Webformular eingeben kann, ist das bessere Mandantenkommunikation, nicht schlechtere. Sie kann es um 23:00 machen, in Ruhe, mit ihren Unterlagen vor sich. Sie muss kein Erstgespräch in der Kanzlei buchen, das 250 € kostet und drei Werktage entfernt liegt. Sie zahlt nichts, wartet nicht, kommt nicht vorbei.

Der menschliche Kontakt verschiebt sich — er fällt nicht weg. Anwältin B in unserem Beispiel hat mehr Zeit für die Mandanten, deren Fall wirklich Beratung braucht, weil sie keine Zeit mehr in administrative Erstgespräche steckt. Die Mandantengespräche, die übrig bleiben, sind die guten — die mit Substanz, mit Komplexität, mit Tragweite.

Die Anwält:innen, die heute behaupten, alle Mandantengespräche seien »das Herzstück«, verteidigen in Wahrheit ein Modell, in dem fünfzehn Minuten Datenaufnahme als zweistündiger 250-€-Termin abgerechnet werden. Das ist kein Herzstück. Das ist eine ineffiziente Verpackung. Mandantinnen merken das längst. Sie gehen nicht mehr zu Erstgesprächen. Sie googeln, vergleichen, klicken bei Conny.

Das Sechzehn-Anträge-Bild

Lasst mich zum konkretesten Punkt kommen, den ich machen kann: die Mathematik der Geschwindigkeit.

Wenn Anwältin A einen Schriftsatz pro Tag schreibt und Anwältin B fünf, dann produziert Anwältin B in einer Woche das, wofür Anwältin A einen Monat braucht. Bei gleicher Qualität, weil die AI eben nicht die Qualität macht — die Qualität macht die Anwältin, indem sie Entwürfe prüft, Argumente schärft, Formulierungen wählt. Was die AI macht, ist die Vorarbeit. Die Recherche. Die Standard-Formulierungen. Die Routine-Klauseln. Die Mietspiegel-Berechnung. Die Strukturierung des Schriftsatzes.

Das bedeutet: Während Anwältin A noch das passende BGH-Urteil sucht, hat Anwältin B bereits sechzehn Anträge gestellt. Während Anwältin A am Sonntagabend um 22:43 den Schriftsatz für Montag früh abschickt, hat Anwältin B den Sonntag mit ihrer Familie verbracht. Während Anwältin A überlegt, ob sich Mietpreisbremse-Mandate für sie lohnen, weil sie pro Fall fünf Stunden braucht und der RVG-Streitwert klein ist, sagt Anwältin B ja zu jedem Mietpreisbremse-Mandat, weil sie pro Fall 45 Minuten braucht und damit eine Marge hat.

Das ist keine Kunst. Das ist Arithmetik.

Das Eiszeit-Bild

Vor 65 Millionen Jahren saßen die Dinosaurier in einer Welt, die sich gerade änderte. Die Temperatur fiel. Pflanzen, von denen sie sich ernährten, verschwanden. Die Eiszeit kam. Die Dinosaurier waren beeindruckend, hochspezialisiert, klar überlegen in der alten Welt. In der neuen Welt waren sie irrelevant.

Was ihnen fehlte, war nicht Intelligenz. Was ihnen fehlte, war Vorhersehbarkeit. Sie konnten nicht erkennen, dass die Welt kippt, bis sie gekippt war. Bis dahin haben sie weiter gelebt, wie sie immer gelebt hatten — und das war ihr Problem.

Ihr habt einen Vorteil gegenüber den Dinosauriern. Ihr könnt die Eiszeit kommen sehen. Sie hat keinen Meteoriten — sie hat Schlagzeilen, neue Werkzeuge, frustrierte Mandant:innen, eine Konkurrenz, die schneller wird, einen Markt, der sich neu sortiert. Sie ist nicht subtil. Sie ist überall.

Die Frage ist nicht, ob ihr sie sehen könnt. Die Frage ist, ob ihr handelt, wenn ihr sie seht.

Es gibt zwei Antworten auf eine kommende Eiszeit. Pullover anziehen oder erfrieren. Mehr nicht. Beide sind möglich. Beide sind heute eure Wahl.

In Teil 3 dieser Reihe schreibe ich darüber, wie ein Pullover-anziehen-Montag in einer Mietrechtskanzlei konkret aussieht. Welche Schritte. Welche Werkzeuge. Welche ersten Mandate. Was nicht.


Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt — fachlich begleitet von Immi Awenius, Mietrechtsanwältin in Berlin.

Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt.
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№ 02 · Denken
Der Weg der Dinosaurier.
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