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Denken/welle-drei-Reihe/03

Montag in der modernen Kanzlei.

Acht Stunden, sechs Schriftsätze, kein Sonntag, der dafür herhalten musste. Wie das geht.

Erschienen9. April 2026
AutorMarcus Greinke
Lesezeit8 Minuten
Reihewelle-drei · 3 / 5

Eine Mietrechtskanzlei in Berlin Mitte. Montag, 09:00. Die Anwältin — nennen wir sie wieder S. — öffnet ihr Postfach. Sechs ungelesene Mails. Zwei davon Erstanfragen, eine ist die Antwort eines Vermieters auf eine Rüge von letzter Woche, eine eine Frage einer bestehenden Mandantin, eine ein Newsletter, eine Spam. Auf dem Schreibtisch liegt der halb fertige Schriftsatz für Mittwoch. In ihrem Kalender stehen heute zwei Erstgespräche, ein Rückruf um 11:00 mit der Hausverwaltung in der Schönhauser, und ab 15:00 Telefonate, die sie noch nicht eingeplant hat.

Was tut S.? Sie tut, was sie immer tut. Sie fängt irgendwo an. Sortiert die Mails grob nach Dringlichkeit, beantwortet die Frage der Mandantin in vier Sätzen, druckt die Vermieter-Antwort, legt sie auf den Stapel rechts. Dann beginnt sie mit dem Schriftsatz. Bis 11:00 schafft sie zwei Absätze. Rückruf. Erstgespräch um 12:00, das in 90 Minuten Auswertung mündet. Mittagspause auf einem Brötchen. Nachmittags der Schriftsatz, soweit es geht. Um 18:00 ist er nicht fertig.

Sie ist eine gute Anwältin. Sie arbeitet hart. Sie wird heute nicht das schaffen, was sie geplant hatte, und morgen wird sie nachholen, was heute liegen geblieben ist. So sehen die meisten Mietrechtskanzleien-Montage in Berlin aus. Sortieren, abarbeiten, durchhalten.

Zwölf Monate später

Selbe Anwältin. Selber Schreibtisch. Selber Montag, 09:00. Was anders ist, ist alles dazwischen.

S. hat in den letzten zwölf Monaten ihre Arbeitsabläufe neu gebaut. Nicht über Nacht. Über drei Monate, mit einem ehrlichen Kopf, einigen Fehlversuchen, einer freien Woche im August, in der sie dem Aufräumen mehr Zeit gewidmet hat als dem Mandatieren. Heute, zwölf Monate später, sieht ihr Montag so aus.

08:30. Erste Tasse Kaffee. Sie öffnet ihr Postfach. Was sie sieht: vier Mails sortiert in Eingang-aktiv, zwölf Mails sortiert in Eingang-archiviert. Die Sortierung hat ein Klassifikations-Modul übernommen, das jede Mail eingelesen, einer Kategorie zugeordnet (Erstanfrage / Vermieter-Antwort / Mandanten-Frage / Verwaltung / Spam) und nur die handlungsrelevanten an die Oberfläche gehoben hat. Die Newsletter und Standard-Bestätigungen sind nicht weg — sie sind im Archiv. Sichtbar, wenn nötig. Nicht im Weg, wenn nicht.

08:45. Sie geht durch die vier aktiven Mails. Drei davon sind Erstanfragen, zwei davon Standard-Mietpreisbremse. Für diese beiden hat ihr System bereits eine Voranalyse durchgeführt — Mietspiegel-Berechnung, Wohnlage-Einschätzung, Anzeichen für Vermieter-Argumente in den hochgeladenen Mietverträgen. S. liest die Voranalysen. Bei der ersten gibt es eine Auffälligkeit, die das System markiert hat: der Vermieter ist eine GmbH, die in einem internen Verzeichnis bereits sechs Mal aufgetaucht ist. Mit drei davon hat ihre Kanzlei bereits Verfahren geführt. Das Verzeichnis ist kein Ergebnis ihrer eigenen Pflege — es entsteht aus dem geteilten Wissen mehrerer Kanzleien, die im selben Markt arbeiten. S. weiß damit ohne weiteren Aufwand: harter Vermieter, Vergleichsbereitschaft niedrig, Klagebereitschaft auf der Vermieter-Seite hoch. Sie nimmt das Mandat an, mit einer entsprechenden Strategie-Notiz.

09:30. Sie beauftragt drei neue Mandate über das Admin-Werkzeug. Die Mandantinnen haben ihre Daten bereits am Wochenende hochgeladen, die Vollmachten unterschrieben, die Abtretungen bestätigt. Erstgespräche braucht es nicht. Was es braucht, ist S.'s Freigabe der drei Rügeschreiben, die das System in der Nacht entworfen hat. Sie liest sie durch — eines ist sauber, die anderen beiden brauchen kleinere Anpassungen, weil S. weiß, wie der Richter am AG Mitte auf bestimmte Formulierungen reagiert. Anpassungen dauern in beiden Fällen unter fünf Minuten. Drei Rügeschreiben verlassen die Kanzlei um 09:55.

10:00. Sie öffnet den Schriftsatz, an dem sie letzte Woche begonnen hat. Anders als vor zwölf Monaten ist die Recherche dazu längst gemacht — ein Recherche-Werkzeug hat ihr morgens, als sie noch zu Hause war, eine Liste von vier BGH-Entscheidungen geschickt, die für die Argumentation einschlägig sind, mit Volltexten und vorgeschlagenen Zitaten. Sie wählt zwei aus. Sie schreibt den Schriftsatz fertig. Um 11:30 ist er beim Mandanten zur Freigabe.

11:30. Der Rückruf mit der Hausverwaltung Schönhauser läuft fünfzehn Minuten. S. nimmt das Gespräch nicht auf — sie macht Notizen während des Telefonats in einem Werkzeug, das die Notizen direkt der Akte zuordnet. Nach dem Telefonat ist die Akte aktualisiert, ohne dass sie zwanzig Minuten später noch einmal hinsetzen müsste, um »aufzuschreiben, was besprochen wurde.«

12:00. Mittagspause. Eine Stunde. Echt frei. Erste Mahlzeit, nicht ein Brötchen am Schreibtisch.

13:00 bis 17:30. Sie bearbeitet drei weitere Schriftsätze, beantwortet sieben Mandanten-Fragen (sechs davon hat ein Mandanten-Chat-Werkzeug bereits in Standard-Form vorbeantwortet, S. bestätigt nur), und führt zwei Mandantengespräche, die diesmal echte Beratung sind — die einfachen Fragen sind gar nicht erst zu ihr durchgekommen. Um 17:30 ist sie fertig.

18:00. Sie geht. Heute hat sie sechs Schriftsätze bearbeitet, drei Mandate beauftragt, sieben Mandantenkommunikationen abgeschlossen. Vor zwölf Monaten hätte sie für dieselbe Liste drei Tage gebraucht.

»Eine moderne Kanzlei ist keine alte Kanzlei mit AI dazu. Sie ist anders gebaut.«

Was sie nicht mehr macht

Hier liegt der eigentliche Punkt. Die Geschwindigkeit kommt nicht hauptsächlich daher, dass S. mit AI schneller arbeitet. Sie kommt daher, dass S. eine Reihe von Tätigkeiten gar nicht mehr macht, die früher den Großteil ihrer Woche gefressen haben. Subtraktion, nicht Addition.

Was sie nicht mehr macht:

Mailssortieren von Hand. Es kostete vierzig Minuten am Tag, das war fast eine ganze Stunde Wertschöpfungspotenzial. Vorbei.

Mietspiegel-Tabellen aufschlagen, die Werte herausschreiben, in einen Taschenrechner eingeben, den durchschnittlichen ortsüblichen Vergleichsmietzins ausrechnen. Pro Mietpreisbremse-Fall ungefähr 25 Minuten. Bei zehn Fällen im Monat: vier Stunden. Vorbei.

BGH-Urteile manuell suchen, querlesen, ob sie einschlägig sind. Pro komplexem Schriftsatz 60-90 Minuten. Vorbei. Die Recherche kommt vorbereitet auf den Schreibtisch, sie wählt aus.

Standardbriefe schreiben — Mahnungen, Fristverlängerungen, Empfangsbestätigungen. Pro Stück ungefähr 15 Minuten. Bei zwanzig solchen Briefen die Woche: fünf Stunden. Vorbei.

Erstgespräche, in denen die ersten 45 Minuten dafür draufgehen, was die Mandantin überhaupt will, herauszufinden. Pro Mandat eine Stunde Vor-Vorarbeit. Vorbei. Die Datenaufnahme passiert, bevor S. das Mandat überhaupt sieht.

In Summe: ungefähr fünfzehn bis zwanzig Stunden pro Woche. Das ist eine ganze Halbtagskraft, die S. zurückgewonnen hat — nicht durch Arbeit, durch Nicht-Arbeit. Durch Streichung von Tätigkeiten, die nie wirklich Mandantennutzen geschaffen haben, sondern administrative Vorbedingungen waren.

Was das nicht ist

Lasst mich das von einer Seite einrahmen, die wichtig ist: das, was ich beschreibe, ist nicht eine vollautomatisierte Kanzlei. S. ist die Anwältin in jeder Akte. Sie schreibt jeden komplexen Schriftsatz selbst. Sie führt jedes echte Mandantengespräch. Sie urteilt über jede strategische Entscheidung. Sie unterschreibt jeden Brief. Was sie nicht tut, ist die Vor- und Nacharbeit, die das Tun ihrer Anwaltsarbeit umrahmt hat — die Datenaufnahme, die Recherche, die Standardkorrespondenz, die Sortierung, die Verteilung.

Ein Lektor schreibt ein Buch nicht. Aber ohne Lektor schreibt man kein gutes Buch. AI ist S.'s Lektor. Sie schreibt das Buch.

Warum das nicht optional ist

Wenn ihr bis hierhin gelesen habt, habt ihr vermutlich eine von zwei Reaktionen:

»Das klingt nach viel Aufwand, um dahin zu kommen.« Stimmt. Drei Monate ehrlicher Arbeit, mit Fehlversuchen und Anpassungen. Es ist nicht eine Stunde Software-Konfiguration. Es ist ein neuer Arbeitsablauf für eine ganze Kanzlei.

»Ich habe heute schon keine Zeit für das, was ich tun muss. Wann soll ich das machen?« Berechtigt. Und genau hier liegt die Falle. Die Anwält:innen, die das nicht tun, sind in zwei Jahren noch genauso erschöpft wie heute, mit einer schlechteren Wettbewerbsposition. Die Anwält:innen, die es tun, sind in zwei Jahren weniger erschöpft, mit besserer Wettbewerbsposition. Die Investition in den Aufbau ist nicht neben eurer Arbeit. Sie ist die Arbeit, die alle anderen Arbeiten kürzer macht.

Und sie ist auch nicht reversibel. Die Mandantinnen, die zu Conny gegangen sind, gehen nicht zurück. Die Anwält:innen, die in zwei Jahren mit modernen Arbeitsabläufen drei Mal so viele Mandate bearbeiten wie ihr, werden nicht plötzlich auf manuelle Bearbeitung umsteigen, weil ihr es lieber so hättet.

In Teil 4 dieser Reihe geht es um das, was passiert, wenn die Stunde nicht mehr der Maßstab ist, an dem ihr eure Arbeit misst — und was das mit dem Stundensatz, dem Erfolgshonorar und dem Begriff der Kanzlei-Wirtschaft macht.


Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt — fachlich begleitet von Immi Awenius, Mietrechtsanwältin in Berlin.

Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt.
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