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Denken/prozess-Reihe/02

Würdet ihr einen Referendar behalten, der bei 80 % bleibt?

»Die KI bringt mich zu achtzig Prozent« klingt nach einem Kompliment. Es ist ein Urteil — nur nicht über die KI.

Erschienen11. Juni 2026
AutorMarcus Greinke
Lesezeit8 Minuten
Reiheprozess · 2 / 6

Stellt euch einen Referendar vor, der in seinem ersten Monat verblüfft. Er liest schnell, er schreibt sauber, er findet die einschlägige Norm meistens auf Anhieb. Seine Entwürfe sind zu achtzig Prozent brauchbar. Ein guter Start.

Jetzt stellt euch vor, es ist sein drittes Jahr, und er ist immer noch bei achtzig Prozent. Dieselben achtzig Prozent. Er wird nicht besser. Er lernt die letzten zwanzig nicht. Bei jedem Schriftsatz müsst ihr denselben Teil selbst nachziehen — die Stelle, an der es auf das Urteil ankommt, die Formulierung, die vor Gericht trägt, das Argument, das die Gegenseite nicht kommen sieht.

Würdet ihr ihn behalten?

Natürlich nicht. Nicht, weil achtzig Prozent nichts wert wären, sondern weil ein Referendar, der nach drei Jahren nicht die letzten zwanzig gelernt hat, kein Referendar mehr ist, sondern eine dauerhafte Nacharbeit mit Gehalt. Der ganze Sinn eines Menschen im Haus ist, dass er die letzten zwanzig irgendwann kann. Sonst macht ihr seine Arbeit und eure dazu.

Und jetzt die unbequeme Frage: Warum akzeptiert ihr genau das von einem Werkzeug, für das ihr bezahlt?

Achtzig Prozent ist der Ort, an dem niemand ankommen will

Es ist der meistgesagte Satz über künstliche Intelligenz in Kanzleien, und er wird fast immer als Lob gemeint: »Claude bringt mich zu achtzig Prozent. Den Rest mache ich selbst.«

Hört genau hin, was da gesagt wird. Nicht: es macht die Arbeit. Sondern: es macht den Teil der Arbeit, der ohnehin der leichtere war, und lässt mir den Teil, der schwer ist. Es schreibt die Gliederung, die jeder Anwalt im Schlaf hinbekommt, und überlässt mir die eine Passage, an der der Fall sich entscheidet. Es liefert die Standardsätze und hört genau da auf, wo das Standardwissen aufhört.

Achtzig Prozent ist kein halber Weg. Es ist der bequeme Teil des Wegs, und der bequeme Teil war nie das Problem.

Denkt an einen Koch. Ein Gericht zu achtzig Prozent ist kein halbes gutes Gericht — es ist Gemüse, das geschnitten, aber nicht gewürzt ist. Die achtzig Prozent sind die Handgriffe, die man einem Azubi in der ersten Woche zeigt. Die zwanzig sind der Grund, warum jemand ins Restaurant kommt. Niemand zahlt für geschnittenes Gemüse.

Denkt an einen Angestellten. Würdet ihr einen einstellen, von dem ihr wisst, dass er bei achtzig Prozent stehen bleibt — für immer? Ihr würdet es nicht mal in Erwägung ziehen. Ihr würdet sagen: die Person hat Potenzial, aber sie muss die letzten zwanzig lernen, sonst trägt sie sich nicht.

Nur bei der Software sagt ihr: achtzig Prozent, großartig, nehme ich.

»Achtzig Prozent ist kein halber Weg. Es ist der bequeme Teil des Wegs — und der bequeme Teil war nie das Problem.«

Warum die letzten zwanzig so teuer sind

Weil sie sich nicht von selbst übertragen. Das ist der ganze Punkt.

Die ersten achtzig Prozent von irgendetwas sind das, was in Büchern steht, was tausendfach dokumentiert ist, was jeder kennt, der die Grundausbildung hat. Ein Modell, das auf dem halben Internet trainiert wurde, hat diese achtzig Prozent mühelos. Es hat sie geschenkt bekommen.

Die letzten zwanzig sind das, was nicht in Büchern steht. Es ist das Urteilsvermögen, das ihr euch über Jahre am konkreten Fall geholt habt. Es ist die Kenntnis dieses einen Richters an diesem einen Amtsgericht, der Formulierung, die diese Kammer nicht mag, der Reihenfolge der Argumente, die vor Ort funktioniert. Es ist das, was man nur lernt, indem es einem jemand beibringt — oder indem man es sich blutig erarbeitet.

Und genau deshalb bringt es niemand bei. Nicht dem Referendar, nicht der KI. Die letzten zwanzig Prozent zu übertragen ist Arbeit — es kostet Zeit, Aufmerksamkeit, das geduldige Erklären dessen, was einem längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Die meisten Menschen tun das nicht. Sie sagen »lass, ich mach das selbst«, und dann machen sie es selbst. Für immer.

Das ist die stille Falle. Nicht, dass die KI bei achtzig Prozent aufhört. Sondern dass ihr euch damit abfindet, weil das Beibringen der letzten zwanzig anstrengender wäre als das ewige Selbermachen — kurzfristig. Ihr trefft, jeden Tag aufs Neue, die Entscheidung des überlasteten Ausbilders: schneller selbst machen, als es einem anderen beizubringen. Und ihr merkt nicht, dass ihr damit den Ausbilder zum Nacharbeiter degradiert habt.

Was das für die nächsten Essays heißt

Dies ist die Diagnose, nicht die Lösung. Die Lösung ist nicht »ein besseres Modell, das auch die letzten zwanzig kann« — die gibt es nicht, und der nächste Essay erklärt, warum die Versprechen, es gäbe sie, sich bei genauem Hinsehen in Luft auflösen.

Aber die Frage ist gestellt, und sie ist unbequem. Wenn ihr einen Referendar nicht bei achtzig Prozent behalten würdet, warum behaltet ihr ein Werkzeug dort? Zwei Antworten sind möglich. Die eine ist: weil achtzig Prozent bei einer Maschine, die nichts kostet und nie müde wird, doch etwas anderes ist als bei einem Menschen. Das stimmt — teilweise.

Die andere ist unbequemer: weil ihr das Werkzeug benutzt wie den Referendar, den ihr aufgegeben habt. Ihr lasst es die achtzig machen, zieht die zwanzig selbst nach, und nennt das Effizienz. Es ist keine. Es ist dieselbe Nacharbeit wie immer, nur mit einem neuen Namen.

Der Unterschied zwischen einem Werkzeug, das euch achtzig Prozent liefert, und einem, das euch den Tag zurückgibt, ist nicht das Modell. Es ist alles, was um das Modell herum steht — und ob es die letzten zwanzig Prozent zu einer Sache macht, die man dem System einmal beibringt, statt sie jeden Tag selbst zu erledigen.

Aber davon später. Erst müssen wir über die zwanzig Prozent reden, die niemand zurückbekommt — und über das Werkzeug, das sie euch angeblich schenkt und das es nicht gibt.


Geschrieben von Marcus Greinke, Mitgründer von Mila. Diese Reihe erscheint donnerstags.

Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt.
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