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Denken/zukunft-Reihe/02

Es macht nicht euren Job. Es macht den Job der Sekretärin.

Die erste Frage zu jedem KI-Werkzeug in einer Kanzlei ist immer dieselbe: Nimmt es mir die Arbeit weg? Beim Anruf Assistenten ist die Antwort ein klares Nein — und das Nein ist genauer, als es zunächst klingt.

Erschienen23. Juli 2026
AutorMarcus Greinke
Lesezeit8 Minuten
Reihezukunft · 2 / 4

Auf dem Deutschen Anwaltstag 2026 war künstliche Intelligenz das Thema, über das alle sprachen — aber selten in Zuversicht, meistens in einer Art ratloser Unruhe. Was bedeutet das für uns? Hilft es, oder nimmt es uns die Arbeit? Welches Werkzeug denn nun — ChatGPT, Claude, Gemini? Man sah die Sorge hinter den Fragen. Und man sah, dass die meisten diese Werkzeuge als eine Ansammlung einzelner Apps begriffen, nicht als etwas Zusammenhängendes — jede für eine andere Kleinigkeit, keine für das Ganze.

Unter all den Fragen lag eine, die selten offen ausgesprochen wurde, weil sie unangenehm ist: Wird mich das ersetzen? Diese Frage verdient eine ehrliche Antwort, und die Antwort hängt vollständig davon ab, welche Arbeit ein Werkzeug tatsächlich angreift.

Denn eine Kanzlei besteht nicht aus einer Art von Arbeit. Sie besteht aus mindestens dreien, und sie werden ständig durcheinandergeworfen. Es gibt die anwaltliche Arbeit — das Urteil, die Strategie, die Verhandlung, die Verantwortung. Es gibt die Arbeit der Referendarin und des Berufsanfängers — den ersten Entwurf, die Recherche, das Strukturieren. Und es gibt die Arbeit der Sekretärin — die Post, die Fristen, die Terminierung, das Protokoll, die Ablage. Wer fragt »nimmt KI mir die Arbeit weg«, muss zuerst fragen: welche Arbeit.

Welche Arbeit der Anruf Assistent angreift

Der Anruf Assistent greift die eigentliche anwaltliche Arbeit an keiner Stelle an — das Urteil, die Beratung, die Einschätzung, die Entscheidung. Er sitzt nicht im Gespräch, er berät die Mandantin nicht, er trifft keine Einschätzung, er entscheidet nichts. Das Gespräch führt ihr. Das Urteil fällt ihr. Die Verantwortung bleibt vollständig bei euch.

Was er angreift, ist die Arbeit nach dem Gespräch — das Protokollieren, das Herausziehen der To-dos, das Notieren der Fristen, das Aufsetzen der Mandanten-E-Mail, das Ablegen an der richtigen Stelle. Diese Arbeit hat eine Anwältin bisher oft selbst erledigt, gewiss. Aber nicht, weil es anwaltliche Arbeit gewesen wäre — sondern weil niemand da war, an den sie es hätte abgeben können. Es ist, Wort für Wort, die Arbeit einer Sekretärin: das, was eine gute Kanzlei ohnehin delegieren würde. Nur dass die kleine Kanzlei, die Solo-Anwältin, niemanden zum Delegieren hat und es deshalb abends und sonntags selbst macht.

Das ist der Punkt, den die Ersetzungs-Angst übersieht. Bei den meisten Mietrechtsanwält:innen ersetzt der Anruf Assistent keinen Menschen — er füllt eine Lücke, die vorher einfach offen blieb und mit den eigenen Abend- und Wochenendstunden gestopft wurde. Er nimmt niemandem den Job. Er nimmt der Anwältin die Nacharbeit, für die sie ausgebildet und viel zu teuer ist.

»Die Anwältin, die keine Sekretärin bezahlen kann, hört auf, ihre eigene Sekretärin zu sein.«

Warum das eine Anwältin freuen sollte, nicht beunruhigen

In der »Prozess«-Reihe stand ein Bild, das hierher gehört: das Werkzeug, das wirklich Arbeit abnimmt, ist Sekretärin, Referendar und Berufsanfänger in einem — und die Anwältin tut, was nur sie tun kann. Der Anruf Assistent ist der erste, kleinste, konkreteste Beleg für dieses Bild. Er ist nicht die ganze Sekretärin — die tut sehr viel mehr: Post, Ablage, Termine, Empfang. Er ist ein Stück davon, herausgelöst und einzeln nutzbar: die Nachbereitung des Mandantengesprächs. Und ausgerechnet dieses Stück ist bei den meisten Anwält:innen ohnehin schon auf ihrem eigenen Tisch gelandet — weil die Notizen während des Gesprächs von Hand entstehen mussten und niemand sonst dabei war.

Und für eine kleine Kanzlei ist das kein Verlust, sondern ein Gleichziehen. Was bisher nur die größere Kanzlei mit Backoffice hatte — jemanden, der die Nachbereitung übernimmt —, bekommt jetzt auch die Solo-Anwältin. Vier Mandantengespräche an einem Tag hießen bisher: vier Protokolle irgendwann am Abend, aus Notizen, die schlechter werden, je später es wird. Jetzt heißen sie: vier fertige Zusammenfassungen, die man liest und freigibt. Die Anwältin, die keine Sekretärin bezahlen kann, hört auf, ihre eigene Sekretärin zu sein.

Das ist der Grund, warum die richtige Reaktion auf dieses Werkzeug nicht Sorge ist, sondern Erleichterung. Wer beruhigt sein will, dass die eigene juristische Kompetenz sicher ist, muss nur eines prüfen: Greift das Werkzeug das Urteil an oder die Ablage? Der Anruf Assistent greift die Ablage an. Das Urteil bleibt eure Domäne — und ihr habt abends zwei Stunden mehr, es einzusetzen, wo es zählt.

Der Unterschied zu dem, was ihr schon kennt

Es lohnt sich, genau zu sein, warum das etwas anderes ist als das, was viele schon ausprobiert haben — denn oberflächlich klingt es ähnlich, und der Unterschied ist gerade der, auf den es ankommt.

Wer ein Videogespräch über Google Meet führt und Gemini die Notizen machen lässt, bekommt etwas: ein Transkript und eine Zusammenfassung. Das ist nützlich, und es ist auch die Grenze. Es gibt keine getrennten To-dos für euch und die Mandantin. Es trägt nichts in euren Kalender ein. Es setzt keine Mandanten-E-Mail auf, die ihr nur noch senden müsst. Es landet nicht auf eurer Aufgabenliste für heute, an die ihr eine weitere Sprachnotiz hängen könnt. Es ist durchsuchbar allenfalls als Text, nicht als Fall. Es hört auf, wo die eigentliche Arbeit anfängt.

Genau das ist der Unterschied zwischen einem allgemeinen Werkzeug und einem, das für den Bedarf einer Anwältin gebaut ist. Ein allgemeines Notiz-Werkzeug transkribiert ein Meeting — jedes Meeting, für jeden. Der Anruf Assistent weiß, dass am Ende eines Mandantengesprächs bestimmte Dinge zu geschehen haben: Aufgaben verteilen, Fristen sichern, die Mandantin informieren, alles zum Fall ablegen. Er ist kein Diktiergerät, das mithört. Er ist auf das Ergebnis hin gebaut, das ein Anwalt braucht.

Das ist auch der Grund, warum das Vertrauen so schnell kommt. Es gibt keinen langen Überzeugungsprozess. Man führt ein echtes Gespräch, legt auf, und neunzig Sekunden später liegt das Ergebnis da — vollständig, in einer Qualität, die man selbst am Sonntagabend nicht hinbekommen hätte. Man muss niemandem glauben. Man sieht es.

Was der nächste Schritt kostet

Wenn dieses eine Sekretariats-Stück einer Anwältin an einem Tag zwei Stunden zurückgibt, stellt sich sofort eine Frage, die unbequemer ist als die Ersetzungs-Angst — und ehrlicher. Diese zwei Stunden waren bisher, auf die eine oder andere Weise, Teil dessen, wofür abgerechnet wurde. Was passiert mit der Rechnung, wenn die Arbeit dahinter zusammenfällt?

Das ist keine neue Frage. Sie wurde in der Reihe »Welle Vier« bereits gestellt und beantwortet — dort ging es um genau diese strukturelle Kompression und darum, was sie mit dem Stundensatz macht. Aber sie wurde dort abstrakt gestellt, für die Anwaltsarbeit im Ganzen. Beim Anruf Assistenten wird sie konkret, greifbar, an einer einzelnen Aufgabe messbar. Und das macht sie zum besten Beispiel, um zu zeigen, was die Antwort in der Praxis bedeutet.

Davon handelt der nächste Essay.

Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, der KI-Plattform für Mietrechtskanzleien. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt.
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Wir haben das Werkzeug gebaut, von dem wir sagten, es existiere nicht.

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№ 02 · Denken
Es macht nicht euren Job. Es macht den Job der Sekretärin.
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