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Denken/conny-Reihe/09

Die Kanzlei der Zukunft ist nicht digital. Sie ist begehbar.

Warum die nächste Generation Mietrechtskanzlei in Neukölln ein Schaufenster hat — und was das mit Apple, Warby Parker und einer iPad-fähigen Praktikantin zu tun hat.

Erschienen12. März 2026
AutorMarcus Greinke
Lesezeit8 Minuten
Reiheconny · 9 / 10

Vor ungefähr zwölf Jahren hat eine amerikanische Brillenmarke namens Warby Parker beschlossen, dass sie eine Optikerkette aufbauen werden. Das war damals ein bisschen verrückt, weil Warby Parker bis zu diesem Zeitpunkt strikt online verkauft hatte und die ganze Geschichte ihrer Marke darauf basierte, kein Brillenladen zu sein.

Sie hatten gegen die alte Welt der Optiker einen klaren Kampf gewonnen — schlechtes Kundenerlebnis, überteuerte Preise, ältere Verkäufer in beigen Hemden, eine Stunde Wartezeit für ein Gestell, das niemandem wirklich passte. Sie hatten gewonnen, indem sie die Brille entkettet hatten von dem Laden. Sie hatten den Optikerladen zerstört. Und dann eröffneten sie selbst einen.

Anfangs war das ein Schock. Heute betreibt Warby Parker mehrere hundert Läden in den USA. Sie sind zu der erfolgreichsten Brillenmarke ihrer Generation geworden, nicht trotz des Ladens, sondern wegen des Ladens.

Warum erzähle ich das? Weil die Mietrechtsberatung gerade an genau dem Punkt steht, an dem die Brillenindustrie 2013 stand. Conny hat die alte Welt der Mietrechtskanzleien in einer Dimension geschlagen — Mandantenerlebnis und digitale Mandatsaufnahme. Aber Conny wird seinerseits geschlagen werden, von einer Generation Mietrechtskanzleien, die Connys Maschinerie übernimmt und sie in ein Schaufenster stellt. Mit Anwaltsbriefkopf. Mit menschlicher Wärme. Mit einer Adresse, an der man vorbeigeht, wenn man zur Bäckerei geht.

»Die Zukunft der Mietrechtskanzlei ist nicht weiter weg, sondern näher dran. Der Schalter ist nicht im Browser. Der Schalter ist im Kiez.«

Was Conny nicht hat

Conny hat eine extrem effiziente Akquisitions-Maschine. Conny hat einen professionellen Mandantenzustrom. Conny hat genug Geld für Werbespots auf YouTube, Google Ads und Außenwerbung. Aber Conny hat eines nicht: einen Ort.

Eine Mieterin, die heute Conny beauftragt, hat keine Adresse, an die sie gehen könnte. Sie hat ein Kontaktformular, einen E-Mail-Account, vielleicht eine Hotline. Wenn sie sich Sorgen macht, kann sie nicht hingehen und mit einem Menschen reden, der sich Zeit nimmt. Wenn sie eine Frage hat, muss sie warten, bis jemand antwortet. Wenn sie die Sache als unsicher empfindet, gibt es nichts Konkretes, an dem sie ihren Glauben festhalten kann. Sie hat ein Logo. Logos sind keine Beziehungen.

Das ist Connys verletzbarste Flanke, und sie ist groß genug, dass sie auf einer normalen Karte sichtbar ist. Conny kann keinen Ort haben, weil Conny kein Anwalt ist und entsprechend keine örtliche Kanzlei betreibt. Conny ist eine zentrale Plattform mit einem Berliner Büro, das aus Konferenzräumen besteht, nicht aus einem Ort, an dem Mieter:innen vorbeikommen.

Eine Mietrechtskanzlei kann einen Ort haben. Eine Mietrechtskanzlei ist sogar gesetzlich quasi dazu verpflichtet, einen Ort zu haben. Was wäre, wenn die Mietrechtskanzlei der Zukunft diese Pflicht in eine Stärke verwandelt, indem sie den Ort bewusst gestaltet?

Wie das aussehen würde

Stellt euch ein Schaufenster vor. In Neukölln, in Wedding, in Kreuzberg — überall dort, wo Mieter:innen wohnen und die Frage »ist meine Miete eigentlich okay?« in der Luft liegt. Nicht in einem Bürogebäude in Mitte, nicht in einer Hinterhof-Etage. Im Erdgeschoss, mit Glasfront, mit einer Tür, an der man morgens vorbei läuft.

Innen: kein dunkles Holz, keine Lederstühle, keine Bilder von Robespierre an den Wänden. Cremeweiße Wände. Vielleicht ein Sideboard mit Kaffee, der wirklich gut ist. Drei Sitznischen statt Schreibtischen. Eine Theke, an der eine junge Associate sitzt — Volljuristin, Anfang 30, freundlich, geduldig, mit einem iPad. Auf dem Sitz vor ihr eine Magnetauflage, an die ihr euren Mietvertrag legt, sie scannt ihn, und hinter ihr passiert auf einem zweiten Bildschirm in echtzeit die Analyse. »Sie zahlen ungefähr 312 € zu viel im Monat. Möchten Sie das angehen?«

Die Mieterin sitzt drei Minuten später da, mit der Antwort, die sie gesucht hat. Sie hat keine Anwältin angerufen, sie hat keinen Termin gebucht, sie hat keine Erstgesprächs-Gebühr gezahlt. Sie ist von der Bushaltestelle reingegangen, weil das Schaufenster freundlich aussah, und ist mit einer Antwort rausgekommen.

Wenn sie sich entscheidet, das angehen zu wollen, wird die Vollmacht auf dem iPad ausgefüllt, sie unterschreibt mit dem Finger, sie bekommt eine Bestätigung in ihre Mail. Die Sache ist beauftragt. Die qualifizierte Rüge geht morgen früh raus, mit dem Briefkopf der Kanzlei. Die Kanzlei verdient an Erfolg, nicht an Stunden.

Was hat das gekostet? Eine Mietfläche im Erdgeschoss, was in Neukölln tragbar ist. Eine Praktikantin oder Junior-Associate. Eine ordentliche Webseite und SEO-Präsenz, damit Leute auch finden, dass es das gibt. Eine AI-gestützte Software, die die Analyse und Briefe in zwanzig Minuten produziert, statt fünf Stunden. Das alles ist heute baubar, mit verfügbaren Technologien.

Warum das nicht »weniger seriös« ist

Wenn ich diese Vision Anwält:innen erzähle, kommt fast immer eine Reaktion, die in Variationen so klingt: »Das wäre nicht seriös. Wir sind Anwält:innen, keine Friseure.«

Lasst mich das auseinandernehmen. Apple Stores sind seriöse Orte. Tesla-Galerien sind seriöse Orte. N26 hat ein Café in Berlin Mitte, das de facto ein Bank-Schalter mit Latte ist. Das, was Anwält:innen »weniger seriös« nennen, ist tatsächlich zugänglicher, was nicht dasselbe ist. Apple verliert keine Seriosität, weil sein Store ein Schaufenster hat. Apple gewinnt Vertrauen, weil sein Store nicht aussieht wie eine Trutzburg.

Die alte Anwaltsökonomie hat Trutzburgen geliebt, weil sie Mandanten filtern sollte. Die neue Anwaltsökonomie hat genau das umgekehrte Ziel: Mandanten anziehen. Filtern macht Sinn, wenn ihr genug habt. Anziehen macht Sinn, wenn ihr Volumen braucht. Und alle, die diese Reihe bisher mitgelesen haben, wissen, dass die Branche gerade Volumen braucht, weil RVG die Marge pro Fall begrenzt und Conny den Mandantenzustrom verkürzt.

Es gibt zudem eine Würde-Frage darunter, die wichtig ist. Eine Kanzlei mit Schaufenster ist nicht »wie ein Friseur«, weil das Produkt nicht »wie ein Haarschnitt« ist. Das Produkt ist juristische Beratung mit demselben Tiefgang wie immer. Die Verpackung ist anders. Verpackung und Inhalt sind nicht dasselbe. Ein Buch mit schönem Cover ist nicht weniger gut als ein Buch mit hässlichem Cover. Die Branche verwechselt die zwei seit Jahrzehnten und hält die Verwechslung für Tugend.

Wer das zuerst macht, gewinnt den Kiez

Hier ist die spielerische Pointe, mit der ich diesen Text beginnen lassen will:

Die erste Mietrechtskanzlei, die in Berlin in einem Kiez ein Schaufenster mit Mila-Niveau-Maschinerie hinter sich aufmacht, gewinnt diesen Kiez. Nicht nach 24 Monaten. Innerhalb von sechs.

Warum? Weil die Konkurrenz im selben Kiez aus zwei Anwält:innen besteht, die beide in fünfter Etage sitzen, ein Telefon haben, das von einer Sekretärin abgenommen wird, eine Webseite mit Robe-Foto, ein Erstgespräch für 250 €, und keine SEO-Präsenz. Und aus Conny, das nicht da ist, sondern bei jeder Kontaktaufnahme einen digitalen Funnel anbietet — gut, aber unpersönlich.

Eine Schaufenster-Kanzlei besetzt eine Position, die niemand besetzt. Sie ist:

Das ist ein Wettbewerbsvorteil mit fünf Achsen gleichzeitig. In jeder anderen Branche würde so etwas eine Welle losbrechen. In der Mietrechtsbranche wird es noch nicht gemacht, weil niemand sich getraut hat. Wer es zuerst macht, ist nicht »nicht seriös«. Wer es zuerst macht, ist Marktführer:in im Kiez, und das in einem Markt mit so viel ungenutzter Nachfrage, dass der Mandantenzustrom für Jahre voll sein wird.

Was Conny vermutlich tun wird, wenn das passiert

Conny wird nicht dasselbe tun können. Conny kann keine Schaufenster aufmachen, weil Conny keine Volljuristen am Tresen einsetzen kann (sie sind keine Kanzlei) und weil Conny kein lokales Modell hat — sie sind eine Plattform, keine Kette.

Was Conny tun wird, ist: noch mehr Marketing, noch mehr Polish in der App, vielleicht ein Konzept »Conny Local« mit Pop-up-Beratungsständen oder Partnerschaften mit Cafés. Aber das wird nie das ersetzen, was eine echte Anwaltskanzlei mit echtem Briefkopf und echter Person hinter dem Tresen leistet. Das ist Connys strukturelle Grenze.

Die Mietrechtskanzlei der Zukunft hat also eine reale Chance, Conny in dem Spiel zu schlagen, das Conny erfunden hat. Indem sie nicht versucht, Conny zu sein, sondern das Beste von Conny plus das, was Conny nicht haben kann, kombiniert.

Was der erste Schritt ist

Niemand muss morgen ein Schaufenster aufmachen. Aber der erste Schritt — und ich meine das wörtlich — ist eine Entscheidung darüber, was die Praxis in fünf Jahren sein soll. Ist sie eine traditionelle Kanzlei in einer fünften Etage mit Mandantenzustrom aus Empfehlungen, oder ist sie eine moderne Mietrechts-Marke mit lokaler Präsenz, AI-gestützter Sachbearbeitung und erfolgsbasiertem Geschäftsmodell?

Die zwei sind nicht inkompatibel. Aber die zweite zu werden, erfordert ein paar bewusste Entscheidungen, die man früher als später treffen sollte. Die Anwält:innen, die heute, im März 2026, anfangen darüber nachzudenken, werden 2027 ein Schaufenster haben. Die anderen werden 2027 immer noch Empfehlungen abwarten und sich fragen, wo das Volumen geblieben ist.

In Teil 10 schließe ich diese Reihe. Was zu tun ist. Was nicht. Und warum die einzige Antwort auf »was tue ich morgen?« nicht »alles auf einmal« ist, sondern »eine Sache, und zwar diese.«


Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt — fachlich begleitet von Immi Awenius, Mietrechtsanwältin in Berlin.

Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt.
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№ 09 · Denken
Die Kanzlei der Zukunft ist nicht digital. Sie ist begehbar.
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