Letzte Woche habe ich ein Experiment gemacht. Ich habe mich hingesetzt, gegoogelt »Mietrechtsanwalt Berlin Mietpreisbremse«, und versucht, mich selbst zu beauftragen. So, als wäre ich kein Gründer einer Mietrechts-Plattform, sondern eine 34-jährige Kommunikationsdesignerin in Neukölln, die seit drei Monaten das Gefühl hat, zu viel zu zahlen.
Ich habe es nach 17 Minuten aufgegeben.
Nicht weil ich keine Anwält:innen gefunden hätte. Es gibt sie zuhauf. Nicht weil sie schlecht wären. Soweit ich das aus den Visitenkarten beurteilen konnte, sind die meisten exzellent. Ich habe aufgegeben, weil jeder Schritt der Kontaktaufnahme so unangenehm war, dass meine fiktive Designerin lange vor Schritt 4 aufgegeben hätte. Und ihr Gefühl gehabt hätte, dass die Miete vielleicht doch nicht so schlimm ist.
Was ich gesehen habe
Fünf Mietrechtskanzlei-Webseiten. Alle dunkelblau oder grau-blau. Drei mit einem Foto eines Mannes über sechzig in einer Robe, die nicht ganz passt. Zwei mit einem Stockfoto von einer Brille auf einem Aktenstapel. Alle mit den gleichen drei Wörtern auf der Startseite: Kompetenz. Erfahrung. Diskretion.
Eine Kanzlei hatte ein Kontaktformular, allerdings drei Klicks tief versteckt. Zwei hatten nur eine Telefonnummer. Eine hatte eine E-Mail-Adresse mit dem Hinweis: »Bitte vereinbaren Sie zunächst telefonisch einen Termin.« Eine hatte beides — und einen Disclaimer, dass das Erstgespräch kostenpflichtig sei. 250 €, ohne Mehrwertsteuer.
Ich habe versucht, einen Termin zu buchen. Bei zwei Kanzleien war niemand am Telefon. Bei einer hat eine Sekretärin abgenommen, die mit ungeduldiger Freundlichkeit gefragt hat, worum es denn gehe, und mir dann mitgeteilt hat, dass die Anwältin in zwei Wochen wieder Termine vergebe und mich dann zurückrufen werde. Bei einer hat es sechsmal geklingelt, dann ein Anrufbeantworter mit Öffnungszeiten von Mo-Do 10-12 und 14-16 Uhr.
Stellt euch vor, was an dieser Stelle in dem Kopf der Designerin passiert. Sie hat eine vage Sorge, sie hat das Gefühl, dass etwas nicht stimmt mit ihrer Miete, sie ist es nicht gewohnt mit Anwält:innen umzugehen, sie hat im Hinterkopf das Stereotyp dass das alles teuer und kompliziert wird, und ihre erste echte Begegnung mit der Branche ist: unerreichbar. Nicht ablehnend, nicht unhöflich — einfach unerreichbar. Hinter Telefonketten, hinter Sekretärinnen, hinter Erstgesprächs-Gebühren, hinter zwei Wochen Wartezeit, hinter einer Webseite, die wirkt als wäre sie für jemand anderen gemacht worden.
Sie ist es. Sie ist für jemand anderen gemacht worden.
Für wen die Kanzlei eigentlich entworfen wurde
Hier ist die Beobachtung, die diesen ganzen Text trägt: Eure Webseite ist nicht für Mandanten gebaut. Sie ist für andere Anwält:innen gebaut.
Die Robe-Photos. Die Kammerzugehörigkeit ganz oben. Die Aufzählung der Fachanwaltschaften. Die Erfahrung. Kompetenz. Diskretion. Die seriöse Schriftart, das gedämpfte Blau, die formulierungstechnische Vorsicht. Das alles sind Signale, die innerhalb des Anwaltsstands gelesen werden — »diese Kanzlei ist seriös, diese Kollegen kann man empfehlen«. Mandanten lesen diese Signale nicht. Sie wissen nicht, dass eine Kammerzugehörigkeit etwas bedeutet. Sie wissen nicht, was ein Fachanwalt ist. Sie sehen nur: teuer, einschüchternd, weit weg von mir.
»Eure Webseite ist nicht für Mandanten gebaut. Sie ist für andere Anwält:innen gebaut. Das ist das ganze Problem.«
Das ist nicht eure Schuld. Das ist die Default-Ästhetik des Berufsstands seit Jahrzehnten. Aber es ist auch der Grund, warum jede Kontaktaufnahme so reibungsvoll ist. Weil das Reibungsvolle ein Filter ist. Es filtert die Mandanten heraus, die nicht ernst genug sind, nicht zahlungsfähig genug, nicht hartnäckig genug, um sich durch fünf Friktionsstufen bis zum Erstgespräch durchzukämpfen.
Vor zwanzig Jahren war das eine vernünftige Strategie. Eine kleine Anzahl wirklich wichtiger Mandate, ein hoher Stundensatz, eine ruhige Kanzlei. Friktion war Sortierung. Wer kam, wollte ernsthaft kommen.
Heute ist Friktion nur noch Verlust. Conny kommt durch keinen einzigen dieser Filter, und Conny füllt einen Markt, den ihr abgewählt habt.
Der Brief, den ihr nicht schreiben solltet
Der gleiche Designfehler steckt in einem Verhalten, das fast jede Mietrechtskanzlei hat und für Service hält: Den Mandanten den Brief vor dem Versand zur Freigabe schicken.
»Ich habe einen Entwurf vorbereitet, schauen Sie bitte einmal kurz drüber, ob alles korrekt ist.« Höflich gemeint. Transparent gemeint. Mitsprache anbietend.
Mandanten lesen das anders. Mandanten lesen das als: Oh Gott, ich muss das jetzt prüfen. Ich habe keine Ahnung, ob das richtig ist. Wenn ich was übersehe, ist alles kaputt. Wenn ich was sage, blamiere ich mich. Wofür habe ich überhaupt eine Anwältin engagiert? Der Stresspegel geht durch die Decke. Manche antworten nie. Manche antworten panisch und versuchen Wörter zu ändern, die nicht geändert werden müssen. Manche kürzen ihre eigene Forderung, weil sie sich vor der Schärfe der Anwältin fürchten.
Der Anwalt wollte Mitsprache anbieten. Der Mandant wollte Entlastung kaufen. Das sind entgegengesetzte Produkte. Jede »schauen Sie bitte einmal kurz drüber«-Mail ist die Anwältin, die versehentlich ihre Aufgabe an die Person zurückwirft, die sie genau dafür beauftragt hat, das nicht tun zu müssen.
Die richtige Service-Geste ist die Umkehrung: »Ich habe den Brief verschickt. Hier ist eine Kopie für Ihre Unterlagen. Die Frist läuft bis zum 14. Februar. Ich melde mich, sobald wir Antwort haben.« Der Mandant exhaliert. Niemand muss prüfen. Die Anwältin trägt die Verantwortung — wofür sie bezahlt wird.
Die Webseite, das Erstgespräch, der Anrufbeantworter
Was die Robe-Photos im Großen tun, tut die Anrufbeantworter-Ansage im Kleinen. Was die Erstgespräch-Gebühr filtert, das filtert die Telefonketten-Sekretärin auf andere Weise. Jeder einzelne Berührungspunkt einer durchschnittlichen Mietrechtskanzlei ist von Menschen gestaltet, die selbst noch nie Mandant einer Mietrechtskanzlei waren.
Schaut euch die folgenden Punkte an und seid ehrlich zu euch selbst:
Die Webseite — sieht sie aus wie ein Werkzeug, das Mandanten zu euch bringt, oder wie ein Aushang in der Anwaltskammer? Wenn ein potenzieller Mandant um 22 Uhr darauf landet und weiß, dass er morgen früh zur Arbeit muss, kann er sofort etwas tun? Oder muss er warten, bis die Kanzlei in 14 Stunden geöffnet hat?
Das Erstgespräch — ist es eine Hürde oder eine Einladung? 250 € sagt: Ich bin nur für Mandanten verfügbar, die schon vor dem Gespräch wissen, dass sie mich brauchen. Aber genau das wissen die meisten nicht. Sie wissen, dass etwas nicht stimmt. Sie wissen nicht, ob es genug ist, um eine Anwältin zu rechtfertigen. Das herauszufinden ist euer Job, nicht ihrer.
Die Telefonkette — wer ist die erste Stimme, die ein Mandant hört? Eine genervte Sekretärin? Eine freundliche, aber ahnungslose? Oder ein Anrufbeantworter, der sagt »Wir rufen zurück, sobald es uns möglich ist«? Die erste Stimme ist die Marke. Sie ist wichtiger als jede Webseite.
Die Kommunikation während des Mandats — schreibt ihr im Konjunktiv? »Es wäre möglicherweise denkbar, dass eine Mietsenkung im Bereich des Vertretbaren läge.« Mandanten verstehen das nicht. Sie wollen wissen: Habe ich einen Fall? Wie viel kann ich rückfordern? Wann wird das passieren? Was muss ich tun? In dieser Reihenfolge, in dieser Klarheit. Wer im Konjunktiv schreibt, schreibt für Kollegen — die wissen, dass das das Berufsregister ist. Mandanten lesen es als Unsicherheit. Sie kaufen aber gerade Sicherheit. Wer Sicherheit verkaufen will, schreibt im Indikativ.
Was Conny anders macht
Es ist nicht so, dass Conny brilliant ist. Conny hat einfach beobachtet, was Mandanten tun, und das Produkt entsprechend gebaut. Eine Webseite, die einem Versicherungsabschluss oder einer Reisebuchung näher ist als einer Anwaltskanzlei. Ein Funnel — der Weg vom ersten Klick bis zur Beauftragung — mit fünf Klicks zum »wir prüfen Ihren Fall«. Eine Status-Verfolgung nach dem Modell »Ihr Paket ist auf dem Weg«. Eine Tonalität, die ein:e Freund:in vermittelt, nicht ein:e Patriarchin.
Das ist alles unspektakulär. Es ist im Jahr 2025 Industriestandard für jede konsumentennahe Dienstleistung. Es ist keine Magie. Es ist nur einmal aus der Perspektive der Person geschaut, die das Produkt kauft.
Mietrechtskanzleien haben das nie getan. Sie haben sich gefragt, wie eine Kanzlei aussehen sollte. Sie haben sich nie gefragt, wie ein Mandant zu ihnen kommt. Diese beiden Fragen sind nicht dasselbe, und das gesamte Mandantenerlebnis-Defizit der Branche entsteht aus genau diesem Verwechseln.
Die Übung der Woche
Wenn ihr bis hierher gelesen habt, gebe ich euch eine konkrete Übung mit. Sie kostet euch eine Stunde. Ihr werdet sie nicht mögen. Sie wird euch enorm viel zeigen.
Setzt euch hin. Öffnet einen Inkognito-Browser-Tab. Tippt ein, was eure idealen Mandanten eintippen würden — »Mietminderung Berlin«, »zu hohe Miete prüfen lassen«, »Mietpreisbremse Anwalt Neukölln«. Klickt auf eure eigene Webseite, sofern sie überhaupt erscheint, was eine eigene Untersuchung wert ist. Versucht euch zu beauftragen.
Notiert für jeden Schritt: Wie hat sich das angefühlt? Nicht war es richtig, sondern wie hat es sich angefühlt. Reibung, Angst, Verwirrung, Genervtheit, Resignation. Schreibt es ehrlich auf.
Ihr werdet feststellen, dass etwa 80 % dessen, was eure Mandanten erleben, schlecht ist — und gar nicht aus juristischen Gründen. Sondern aus Gründen, die ihr in zwei Wochen gefixt haben könntet, wenn ihr nur den Mut habt, eine Stunde lang euer eigener Mandant zu sein.
Die meisten Anwält:innen werden das nie tun. Die wenigen, die es tun, werden in 18 Monaten quietly die Branche überholen.
In Teil 4 geht es um die Frage darunter: Was kaufen Mandanten eigentlich, wenn sie euch beauftragen? Es ist nicht das, was ihr glaubt zu verkaufen.
Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, einer Berliner Plattform für die Durchsetzung der Mietpreisbremse. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt — fachlich begleitet von Immi Awenius, Mietrechtsanwältin in Berlin.